Die Zivilgesellschaft ist gemeinnützig!

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Nach Attac verliert auch Campact den Status der Gemeinnützigkeit. Es zeigt sich: Das Attac-Urteil des Bundesfinanzhofes ist auch ein Maulkorb für die gesamte kritische Zivilgesellschaft. Denn die Richter erklärten, die Teilnahme an der politischen Debatte sei unvereinbar mit der Gemeinnützigkeit. Jetzt muss die Bundesregierung ran - und klarstellen: Die Arbeit der Zivilgesellschaft ist gemeinnützig.

Unterzeichnen Sie unseren Appell!

SPD-Bundesfinanzminister Olaf Scholz
Dr. Rolf Mützenich, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion
Union-Fraktionsvorsitzender Ralph Brinkhaus
An die Finanzminister*innen der Bundesländer

Kontroverse politische Debatten sind das Lebenselixier einer lebendigen Demokratie. Diese Debatten leben davon, dass alle gesellschaftlichen Gruppen ihren Argumenten Gehör verschaffen können. Bisher war das nicht nur finanzstarken Konzernen und ihren Verbänden, sondern auch gemeinnützigen Vereinen möglich.

Das Attac-Urteil des Bundesfinanzhofs beschneidet die Meinungsfreiheit für gemeinnützige Organisationen. Und bedroht so die Meinungsvielfalt in der politischen Debatte. Denn die Richter erklärten die Teilnahme an öffentlichen politischen Diskursen für im Grundsatz unvereinbar mit der Erfüllung gemeinnütziger Zwecke. 

Wenn sich zukünftig Vereine besorgt über die Zunahme gesellschaftlicher Ungleichheit, die Macht großer Konzerne oder Bedrohung der Demokratie durch den Rechtspopulismus äußern, riskieren sie ihre Gemeinnützigkeit und damit ihre Existenz. 

Die Folgen dieses Urteils lassen sich nur beheben, indem die gesetzlichen Grundlagen für die Gemeinnützigkeit von Organisationen grundlegend überarbeitet werden. Wir erklären uns solidarisch mit Attac und fordern: 

  • Erkennen Sie den Wert zivilgesellschaftlichen Engagements für eine lebendige Demokratie und eine ausgewogene öffentliche Debatte an, in der nicht nur Partikularinteressen von Unternehmen und Wirtschaftslobbyist/innen dominieren.
  •  Stellen Sie sicher, dass die selbstlose Beteiligung an der öffentlichen Meinungsbildung sowie der politischen Willensbildung durch gemeinnützige Organisationen unschädlich für deren Gemeinnützigkeit ist. 
  • Erweitern Sie dafür als Sofortmaßnahme die Liste der explizit gemeinnützigen Tätigkeiten um die Förderung der Wahr­nehmung und Verwirklichung von Grund­rechten, Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Klimaschutz, informationeller Selbstbestimmung, Menschenrechten und der Gleichstellung der Geschlechter.

5-Minuten-Info

Warum wurde Campact die Gemeinnützigkeit entzogen?

Das ist letztlich eine Folge des Attac-Urteils des Bundesfinanzhofes. Nach jahrelangem Rechtsstreit hatte der Bundesfinanzhof entschieden, dass die Kampagnen der Organisation Attac keine politische Bildungsarbeit seien. Die höchsten deutschen Finanzrichter sagten, dass politische Bildung nicht eingesetzt werden darf, um die politische Willensbildung zu beeinflussen.
Genau wie Attac war auch Campact wegen der Förderung der politischen Bildung als gemeinnützig anerkannt. Und wie Attac ermuntert auch Campact Menschen dazu, sich in die politische Debatte einzumischen. Und wir tun dies von einem klaren progressiven Wertefundament aus – wir sind zwar unabhängig und überparteilich, aber nicht politisch neutral. Und genau dies ist nach dem Urteil des Bundesfinanzhofes nicht mehr mit dem formellen Status der Gemeinnützigkeit vereinbar. Darum hat uns das Finanzamt Berlin nun auch die Gemeinnützigkeit aberkannt. 
Damit bestätigt sich unsere Befürchtung: Das Urteil trifft nicht nur Attac, sondern hat Folgen für die gesamte kritische Zivilgesellschaft. Gemeinnützige Organisationen werden dadurch in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt – wenn sie den Status der Gemeinnützigkeit nicht auch verlieren wollen.

Werden sich Attac und Campact gegen den Entzug der Gemeinnützigkeit wehren?

Attac kämpft inzwischen seit sieben Jahren um den Status der Gemeinnützigkeit. Sieben Jahre, in denen der Gesetzgeber versäumt hat, die Rahmenbedingungen für zivilgesellschaftliche Organisationen zu modernisieren. Anfang des Jahres hat der Bundesfinanzhof zum zweiten Mal und damit endgültig die Aberkennung der Gemeinnützigkeit von Attac bestätigt. Damit ist der Rechtsweg für das globalisierungskritische Netzwerk erschöpft.  Da die nötigen politischen Entscheidungen für eine aktive, demokratische und kritische Zivilgesellschaft ausbleiben, sieht sich Attac nun gezwungen Verfassungsbeschwerde gegen den Gerichtsentscheid einzureichen. Wann das Bundesverfassungsgericht den Fall verhandelt und mit welchem Ausgang, ist offen.


Campact hatte aufgrund der aktuellen Rechtslage schon nach dem ersten BFH-Urteil entschieden, keine rechtlichen Schritte einzuleiten. Gemeinsam mit Attac und über 180 anderen Vereinen und Stiftungen strebt Campact in der Allianz “Rechtssicherheit für politische Willensbildung” nach einer Änderung der gesetzlichen Grundlagen für Gemeinnützigkeit.

Welche Folgen hat der Verlust der Gemeinnützigkeit für betroffene Organisationen?

Gerade für kleinere und weniger bekannte Organisationen kann der Verlust der Gemeinnützigkeit den Ruin bedeuten: Bürger*innen könnten möglicherweise weniger spenden, wenn sie ihre Spenden nicht mehr von der Steuer absetzen können. Außerdem verlieren die Organisationen den Zugang zu wichtigen Arbeitsgrundlagen, für die der gemeinnützige Status die Voraussetzung ist. Beispielsweise werden sie von manchen Geldern aus Stiftungen oder vom Staat abgeschnitten, dürfen bestimmte Räume nicht mehr mieten oder Infostände in Fußgängerzonen aufbauen.

Auch für Campact hatte der Entzug der Gemeinnützigkeit Folgen: Wir haben direkt nach der Veröffentlichung des Attac-Urteils beschlossen, vorsorglich keine Zuwendungsbestätigungen für Spenden mehr auszustellen. Damit waren wir der dringenden Empfehlung unserer Steuerberater*innen und Anwält*innen gefolgt. Eine weitere konkrete Folge war, dass Campact, für die erhaltenen Großspenden (über 20.000 Euro) Schenkungssteuer nachzahlen musste.

Campact lässt sich aber nicht mundtot machen. Wir setzen unsere Kampagnen – etwa für Klimaschutz, die Agrar- und die Verkehrswende sowie gegen Rechtsextremismus – fort. Unsere Bürgerbewegung wird von über 2,3 Millionen Menschen getragen: Wir setzen darauf, dass unsere Spender*innen und Förder*innen uns weiter treu bleiben und sich Campact auch in Zukunft auf die Finanzierung durch Zehntausende Kleinstspenden stützen kann.

Warum ist das Attac-Urteil eine Gefahr für die gemeinnützige Zivilgesellschaft?

Das BFH-Urteil verstärkt die Missstände des veralteten Gemeinnützigkeitsrechts. Die Einengung des Zwecks der politischen Bildung hat weitreichende Folgen, vor allem für jene Organisationen, die im Bereich der Demokratieförderung oder der sozialen Gerechtigkeit tätig sind oder sich gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit oder Rechtsextremismus einsetzen. Solche Organisationen hatten sich zuvor als „Notlösung“ auf den Zweck der politischen Bildung berufen können – nun fehlt vielen von ihnen ein passender Zweck in der Abgabenordnung.


Zudem sind viele gemeinnützige Vereine verunsichert, inwieweit sie sich politisch engagieren dürfen, um in ihrem Bereich Veränderung zu erwirken. Und sie haben Angst, ihren Status zu verlieren, wenn sie beispielsweise mal zu Demonstrationen gegen Rechtsextremismus oder Rassismus aufrufen. Die Vereine und Initiativen werden vor eine schwierige Entscheidung gestellt: Entweder schränken sie ihre wichtige Arbeit ein oder sie gefährden ihren gemeinnützigen Status – und damit oftmals ihre Existenz.


Die Folge: Neben Campact haben weitere gemeinnützige Initiativen ihren Status verloren, zum Beispiel das Demokratische Zentrum Ludwigsburg – Verein für politische und kulturelle Bildung e.V.. Auch der Bundesvereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) wurde für die Jahre 2016 bis 2018 die Gemeinnützigkeit aberkannt. Das sendet ein fatales Signal. Der jüngste Fall ist Change.org, eine Petitionsplattform, die nach zwei Jahren der Unsicherheit und des Wartens nun ebenfalls ihren Status und damit wichtige finanzielle Ressourcen verliert. 

Was gilt derzeit als gemeinnützig?

In Paragraf 52 der Abgabenordnung sind 25 Zwecke genannt, die gemeinnützig sind: darunter der Verbraucher-, Tier- und Umweltschutz. Ausschließlich zu diesen Zwecken dürfen sich gemeinnützige Vereine dann auch politisch äußern - sofern dieser Zweck in ihrer Satzung steht.


Nicht gemeinnützig sind die Wahr­nehmung und Verwirklichung von Grund­rechten, der Einsatz für Frieden, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, informationelle Selbstbestimmung, für Menschenrechte und die Gleichstellung der Geschlechter. Diese gigantische Lücke war bisher nur zu verkraften, weil sich gemeinnützige Vereine auf die Förderung der Bildung berufen konnten, wenn sie zu diesen Themen arbeiten wollten. Doch damit haben die Richter des Bundesfinanzhofs jetzt Schluss gemacht.

Wie müsste das Gemeinnützigkeitsrecht reformiert werden?

Wir teilen die Kernforderungen der Allianz „Rechtssicherheit für politische Willensbildung“ und ihren mehr als 180 Mitgliedsorganisationen:

  1. Die Aufnahme weiterer Zwecke in §52 Abs. 2, darunter die Förderung der Grund- und Menschenrechte, der sozialen Gerechtigkeit und der Demokratie.
  2. Die Klarstellung, dass gemeinnützige Organisationen zur Verfolgung ihrer gemeinnützigen Satzungszwecke überwiegend und auch ausschließlich auf die politische Willensbildung und öffentliche Meinungsbildung einwirken dürfen, solange sie den vorgeschriebenen Abstand zu politischen Parteien einhalten.
  3. Die Aufnahme einer „Demokratieklausel“, die es etwa einem Sportverein ohne Gefahr für seinen Status als gemeinnützige Organisation erlaubt, sich bei aktuellen Anlässen – z.B. dem Anschlag auf eine Synagoge – gegen Rassismus oder Antisemitismus auch zu anderen gemeinnützigen Zwecken zu engagieren.
  4. Die Befreiung des Zwecks der politischen Bildung aus der Engführung des Bundesfinanzhofs. Organisationen sollen ihre eigenen Werte und Haltungen zu ihren Satzungszwecken vertreten dürfen.

Warum sollen sich gemeinnützige Vereine politisch engagieren dürfen?

Viele gemeinnützige Organisationen, ob kleine Initiative oder großer Verein, haben konkrete Anliegen, die aus einem politischen Impuls heraus entstanden sind. Zum Beispiel: mehr Radverkehr, weniger Autos in der Stadt. Dieses Anliegen müssen sie einem gemeinnützigen Zweck zuordnen.

Wie ein Verein oder eine Initiative den Zweck konkret fördert, ist in der Abgabenordnung nicht vorgegeben. Es kann sein, dass ein Umweltschutzverein seine Ziele besser durch konkrete Tätigkeiten erreicht, etwa durch den Verleih von Lastenrädern oder kostenlose Fahrradinspektionen. Ein anderer hingegen kommt seinem Ziel näher, indem er versucht, politische Entscheidungsfindung zu beeinflussen. Beispielsweise, wenn er erreichen will, dass die Stadt Radwege erweitert oder den ÖPNV ausbaut.

Umweltschutz, Entwicklungszusammenarbeit, Verbraucherschutz – viele Zwecke in der Abgabenordnung lassen sich kaum sinnvoll fördern, ohne den Versuch zu unternehmen, die politische Willensbildung zu beeinflussen. Dennoch schreibt der Anwendungserlass, mit dessen Hilfe die Finanzämter die Abgabenordnung auslegen, vor, dass politisches Engagement gegenüber den anderen Aktivitäten „weit in den Hintergrund“ treten muss. Das halten wir für unsachgemäß und eine übermäßige Einschränkung gemeinnütziger Organisationen.

Wenn sich gemeinnützige Vereine politisch engagieren, verschwimmen dann nicht die Grenzen zu Parteien?

Gemeinnützige Vereine wirken zwar an der politischen Willensbildung mit, sie sind jedoch nicht mit Parteien vergleichbar. Sie wollen keine politische Macht und treten nicht zu Wahlen an. Laut Abgabenordnung dürfen sie Parteien weder direkt noch indirekt unterstützen. Darüber hinaus müssen sie selbstlos arbeiten, der Allgemeinheit dienen und dürfen nur zu ihren Satzungszwecken tätig werden.

Welche Regeln gelten für Berufsverbände, die sich politisch einmischen?

Diese Vereine haben es meistens einfacher: An ihre Satzungen werden weniger hohe Ansprüche gestellt. Sie müssen nicht im Sinne der Allgemeinheit handeln, sondern nur die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder im Blick haben. Sie dürfen politischen Einfluss nehmen und sogar Geld an Parteien spenden. Und dennoch genießen die Berufsverbände und ihre Mitglieder Steuervorteile: Die Verbände können sich von Steuern befreien lassen, und die Mitglieder können die gezahlten Beiträge als Betriebsausgaben steuerlich geltend machen.

Gemeinnützige Vereine dagegen müssen selbstlos sein. Sie vertreten nicht die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder. Sie müssen im Sinne des Allgemeinwohls handeln.

Kurioserweise gibt es sogar Wirtschaftsorganisationen, die als gemeinnützig anerkannt sind, obwohl sie die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. Die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik, die die Rüstungslobby vertritt, gilt nach wie vor als gemeinnützig. Die gemeinnützige Stiftung Familienunternehmen hat eine große Kampagne gegen höhere Erbschaftssteuern für Millionäre gemacht. Während Attac gegen Steuerbetrug kämpft und sich so um das Gemeinwohl verdient gemacht hat, vertreten diese Vereine höchst eigennützige Interessen.

Aber im Vergleich zu China, Russland oder Türkei steht die Zivilgesellschaft in Deutschland doch gut da, oder?

In China, Russland oder der Türkei werden Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen oftmals sogar ins Gefängnis gesperrt, wenn sie die Regierung kritisieren. Davon sind wir in Deutschland zum Glück weit entfernt.

In letzter Zeit wird die Zivilgesellschaft aber auch in Deutschland immer öfter von Politiker*innen und Konzernlobbyist*innen attackiert: So hat der CDU-Bundesparteitag beschlossen, der Deutschen Umwelthilfe die Gemeinnützigkeit entziehen zu wollen. Und das nur, weil die Umweltorganisation die Einhaltung bestehender Gesetze eingeklagt hat. Auch die Gemeinnützigkeit von beispielsweise Peta und Greenpeace wird regelmäßig infrage gestellt. Ganz besonders aktiv geht die AfD mit parlamentarischen Anfragen und Gesetzentwürfen gegen gemeinnützige Organisationen vor. Dafür gibt es auf Landes- und Bundesebene unzählige Beispiele.

Deutschland darf sich nicht auf den negativen Beispielen von autoritären Staaten ausruhen, sondern muss ein Leuchtturm für freiheitliche Demokratie sein. Nur so kann Deutschland glaubwürdig von anderen Ländern mehr Demokratie verlangen und dort Menschenrechtsorganisationen unterstützen. Jede zusätzliche Einschränkung in Deutschland können autoritäre Regierungen als Rechtfertigung für ihre restriktiven NGO-Gesetze verwenden.

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